Helden sehen anders aus

Ausgerechnet beim zweiten Teil der Coronakrise, schwächelt die österreichische Regierung. Dabei sollte doch die Wirtschaft eine Kernkompetenz der tonangebenden türkis/schwarzen Kanzlerpartei sein. Und warum wir uns ganz sicher nicht um eine Wertediskussion drücken dürfen. Kommentar eines Betroffenen.

In der Tonalität als Heldensaga, in der Realität mit viel Ach und Weh, ist die zweite Phase der Bewältigung der Coronakrise gestartet. Jetzt geht es ans Ärmel aufkrempeln, den Schaden begutachten und dann Zähne zusammenbeißen und frisch ans Werk. Wiederaufbau, wie in den Anfangsjahren der zweiten Republik.  Solche Bilder mögen vielleicht durch manche Köpfe gegeistert sein, als der Kanzler die Coronakrise als „größte Herausforderung seit dem Zweiten Weltkrieg“ bezeichnete.

Unklarheiten in den Verordnungen, der österreichische Hang zur Bürokratie und die Vorsicht der Banken bauten sich gleich am Beginn als hohe Hürden vor den Unternehmen auf. Dazu eine betriebswirtschaftliche Sicht der Dinge, die vollkommen außer Acht lässt, ob ein kleiner Betrieb in einem Nebental für die Region nicht genauso „systemrelevant“ ist, wie das BMW Motorenwerk für die Stadt Steyr und das Land Oberösterreich. Das andauernde Desaster der WKO mit dem Härtefallfonds macht Betroffene immer noch fassungslos – und die grundsätzliche Frage, ob denn Kredite als Allheilmittel überhaupt sinnvoll seien, die wurde erst gar nicht gestellt.

Und eine Diskussion über Werte, die könne man sich jetzt nicht leisten, blocken schon die ersten Politiker ab. Zuerst müssten die Ärmel aufgekrempelt werden…

Aber der Reihe nach.

Die (vermeintliche) Heldensaga

Politik besteht zu einem wichtigen Teil aus dem Erzählen von Geschichten. Je einfacher die Geschichte, umso besser kommt sie an. So gesehen war die Ansage vom „Kampf um jedes Unternehmen und um jeden Arbeitsplatz“ von Beginn an perfekt. Jeder versteht’s und alle waren beruhigt.

Da wäre es schon deutlich schwieriger gewesen, gleich zu Beginn mit der Wahrheit herauszurücken: Liebe Unternehmerinnen und Unternehmer. Das werden schwierige Zeiten. Wir werden uns bemühen Sie alle zu unterstützen, wo wir nur können. Jetzt schauen wir mal, dass möglichst alle sofort Liquidität bekommen. Gleichzeitig ersuchen wir die WKO in allen Bundesländern und Fachgruppen zu erheben, welche Probleme die Unternehmen haben und womit ihnen am besten geholfen wäre…… und so weiter und so fort.

Einmal ganz abgesehen davon, dass die WKO damit eine ihrer Kernaufgaben wahrgenommen hätte, gäbe es heute ein differenziertes Bild von den Bedürfnissen der Unternehmen und die Kammer würde nicht für das Versagen beim Härtefallfonds geprügelt werden. 33 Prozent der heimischen KMU schreiben Verluste, 24 Prozent sind überschuldet. Die Zahlen stammen aus dem KMU-Report 2018, herausgegeben von der WKO selbst.

Die Kammer hätte es also wissen müssen und hätten auch ableiten können, dass wohl einige dieser Unternehmen gar nicht an die Überbrückungsfinanzierungen kommen werden.

Die Entscheidung darüber wird ausschließlich nach finanzwirtschaftlichen Kriterien getroffen, nach dem internen Ratingsystem der Banken.

Welche Werte sind gefragt?

Ob ein Unternehmen in seiner Region wichtig ist, ob damit Arbeitsplätze in strukturschwachen Regionen gehalten werden, ob die Gemeinde einen Mitzahler für die Infrastruktur (Kanal, Wasserversorgung, Müllabholung) behält, wird alles nicht berücksichtigt. Auch die soft skills der Unternehmerin/des Unternehmers werden nicht herangezogen. Wie krisenerprobt sind Sie? Sind sie motiviert und engagiert um einen Turnaround zu schaffen? Wie war der Entwicklungspfad des Unternehmens in den vergangenen Jahren – ging es aufwärts oder abwärts? Alles Fragen, die eigentlich gestellt werden müssten.

So zeigt sich einmal mehr, was ohnehin die meisten zu wissen glauben: die Großen gewinnen, die Kleinen verlieren. Unter den KMUs haben Industriebetriebe mit bis zu 250 Mitarbeitern mit 36 Prozent eine fast doppelt so hohe Eigenkapitalquote wie Tourismusbetriebe (20 Prozent). Dazu kommt, dass Unternehmen, die über Finanz-, Rechts- und Personalabteilungen verfügen und in Lobbies organisiert sind, einen deutlichen Vorteil gegenüber dem Klein- und Kleinstbetrieb haben. Sie haben gut bezahlte Mitarbeiter, die den ganzen Tag darüber nachdenken, wie sie in dieser Situation das beste für ihr Unternehmen herausholen können. Der Handwerker, Händler oder Wirt hat einen Steuerberater, der in Zeiten wie diesen gerade einmal den nötigsten Formularkram erledigen kann und extra Geld kostet.

Der Tourismus, als besonders stark betroffene Branche, hätte in Österreich sogar noch einen deutlichen Startvorteil gegenüber anderen Bereichen. Mit der Tourismusbank ÖHT gibt es ein Finanzierungsinstitut mit einer exzellenten Expertise, deren Mitarbeiter die Vor-Ort-Situation in den Regionen kennen und betriebswirtschaftliche Parameter mit volkswirtschaftlicher Notwendigkeit und den regionalen Bedürfnissen verknüpfen könnten. Allein, die Tourismusbetriebe kommen gar nicht an die ÖHT heran. Die Einreichungen dürfen ausschließlich über die Hausbanken erfolgen und wer über diese Hürde nicht drüber kommt, hat eben Pech.

One Way Ticket aus der Krise

Die meisten Betriebe sind durch die Coronakrise unverschuldet in Not geraten. Wenn Sie jetzt Überbrückungsfinanzierungen brauchen, haben Sie gar keine andere Wahl als Kredite in Anspruch zu nehmen. Zusätzlich zu den Stundungen beim Finanzamt, der Krankenkasse und den Gemeinden und möglicherweise auch noch bei Lieferanten.

Wir steuern auf eine Zeit mit großen Unsicherheiten zu. Unterm Strich wird es die nächsten ein bis zwei Jahre für die hauptsächlich betroffenen Branchen schwierig werden zu planen, geschweige denn zu investieren. Alle werden so lange wie möglich „auf Sicht fahren“ und sparen wo es nur geht. In diesem Umfeld werden die Umsätze und wohl auch die Ergebnisse der Unternehmen leiden. Möglicherweise werden bald nicht mehr 33 Prozent der KMUs Verluste schreiben, sondern noch mehr.

Wie sollen Betriebe mit weniger Umsatz und Gewinn ihre bisherigen Kredite bedienen, dazu die Stundungen der Finanz, Krankenkassa und Gemeinden und die neuen Corona-Überbrückungshilfen zurückzahlen? Da ist zu befürchten, dass in den nächsten Jahren für viele das böse Erwachen kommen wird.

Hätte es Alternativen gegeben?

Der Makroökonom Daniel Stelter, der von der FAZ zu den 100 einflussreichsten Ökonomen Deutsc